Die Geschichte des ewerks

Das Synonym "E-Werk" genießt einen hohen internationalen Bekanntheitsgrad, der in bestimmten Zielgruppen den nationalen Grad der Bekanntheit weit übertrifft und auch heute, nur kurze Zeit nach Revitalisierung des Ortes, eine neue Belebung erfährt.

Viele wissen um den Namen und verbinden damit einen Ort. Doch die Allerwenigsten wissen um die verschiedenen Stränge der Geschichte, die jeder für sich eine Bekanntheit, doch nicht diese Bekanntheit begründen würden. Eine Mischung all der verschiedenen geschichtlichen Stränge kumuliert an diesem Ort in Berlins Mitte, der treffender den Aufstieg und die Zerstörung Deutschlands, das Finden nach dem Krieg, die Situation in einem geteilten Land, die Veränderungen durch die Wiedervereinigung und die beginnende Normalität im angehenden 21. Jahrhundert widerspiegelt. Ein Zeitraum, der das Neunzehnte, das Zwanzigste und das Einundzwanzigste Jahrhundert streift, der Zeugnis ablegt, vom Werden eines Weltkonzerns AEG und einer einhergehenden industriell technischen Revolution durch die Elektrifizierung der Gesellschaft, der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch englische und amerikanische Bomben und russischen Nahkampf, dem erzwungenen Dornröschenschlaf im Schatten des Kalten Krieges und seiner Folge, einer Berliner Mauer, einer geplanten Umgestaltung im Zusammenhang der sozialistischen Hauptstadt Berlin im Wettbewerb der Systeme, einem der Gründungsorte der Techno-Bewegung, dem Weihe-Ort elektronischer Musik und - als vorläufigen Schluss- und wiederum Auftaktpunkt - der Revitalisierung.

Das ewerk steht als weltweite Marke für Technik-Begeisterte, denn es ist das älteste erhaltene Bauwerk der kommerziellen Stromerzeugung in Deutschland und es steht ebenso als weltweite Marke für Techno-Begeisterte, denn es ist einer der geheimnisvollen Orte, von denen aus die Techno-Bewegung ihren friedlichen Siegeszug um die Welt antrat.
Es gibt einen weiteren Aspekt, der nicht unbeachtet bleiben darf: Eine Vielzahl von Persönlichkeiten haben sich in den vergangen 120 Jahren darum bemüht, die Geschichte des Ortes zu dokumentieren und fortzuschreiben. Stellvertretend für viele sei hier Regierungsbaumeister Soeder mit seinen dokumentarischen Arbeiten um 1895 genannt, die heute zu den bibliophilen Raritäten über die Geschichte Berlins und seiner Bauten gehören. Oder Prof. Dr. Paul Kahlfeld in Zusammenarbeit mit Dr. Achim Grube von der Vattenfall Europe, die sich seit 1991 in einer Vielzahl von Publikationen um das architektonische Erbe von Hans-Heinrich Müller, Architekt des ewerks und 39 weiterer in ihrer Formsprache beeindruckender Bauten der Stromversorgung, einerseits im denkmalpflegerischen Sinne bemühen; anderseits mit hohem unternehmerischen Anspruch versuchen, den heute nicht mehr betriebsnotwendigen Orten der Berliner Stromversorgung, eine Transformation in neue Nutzarten zu ermöglichen. Ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit ist infolgedessen, die viel versprechende Revitalisierung des ewerks zu verdanken.
Gewürdigt wurde dieser denkmalpflegerische Anspruch der Vattenfall Europe und seine erfolgreiche Durchsetzung durch die Verleihung verschiedener nicht kommerziell orientierter Preise und Auszeichnungen, beispielsweise dem Deutschen Denkmal-Preis im Jahr 2005 und dem Berliner Denkmal-Preis im Jahr 2003.

 

 

Chronik 1881-1945

Eine wichtige Rolle für die industrielle Entwicklung Deutschlands und die erfolgreiche Positionierung auf dem Weltmarkt spielten ab Mitte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Namen wie Alfred Krupp – für die Krupp-Werke in Essen, Gottlieb Daimler – für Mercedes-Benz, Wilhelm Siemens – für die Siemens AG und Siemens-Halske, August Borsig – für die Borsig-Werke, Ferdinand Schichau – für die Schichauwerften in Elbing und Danzig sowie auch Emil Rathenau – für die AEG.

Emil Rathenau war Generaldirector der „Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft“ – AEG sowie Director der Berliner Electricitäts-Werke AG – BEWAG und damit maßgeblich für die Gründung und die spätere erfolgreiche Positionierung der AEG als weltweit führender Elektrokonzern verantwortlich.
Dies war möglich, da in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts eine Vielzahl physikalischer Effekte für eine industrielle Nutzung erschlossen werden konnten. Emil Rathenau erkannte frühzeitig das ökonomische Potential einiger dieser Erfindungen und versuchte, diese nutzbringend zu erschließen. Hierzu gehörten beispielsweise die Erzeugung von Licht mittels Strom oder auch die Erfindung der dynamo-elektrischen Maschine, die eine wirtschaftliche Erzeugung starker Ströme überhaupt ermöglichte.

1881 erwarb Emil Rathenau die Rechte der Edison-Patente für Deutschland und gründete wenig später - 1883 - zum Zweck der wirtschaftlich Nutzung dieser Patente die „Deutsche Edison Gesellschaft für angewandte Elektricität“, aus der 1887 die „Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft“ – die AEG hervorging.
Am 19. Februar 1884 schloss die Vorgänger-Gesellschaft der AEG mit der Stadtgemeinde von Berlin einen Monopol-Vertrag ab, in welchem geregelt wurde, zu welchen beidseitig nutzbringenden Bedingungen die spätere AEG das Recht und die diesbezügliche Pflicht zur Elektrifizierung der Berliner Innenstadt erhielt. Am 8. Mai 1884 erfolgte der Eintrag der Gesellschaft mit einem Aktienkapital von 3 Millionen Mark.

Die neue Gesellschaft erwarb zunächst die für den Bau von Centralstationen in Aussicht genommenen Grundstücke Markgrafenstraße 44 am Gendarmenmarkt und Mauerstraße 80 in der Friedrichstadt und begann im Mai 1884 an der Markgrafenstraße mit dem Bau der ersten Station. Die Inbetriebnahme erfolgte am 15. August 1885 mit der festlichen Beleuchtung des Königlichen Schauspielhauses zu Berlin am Gendarmenmarkt. Auf diesem Grundstück an der Markgrafenstraße 44 befindet sich heute ein Bürohaus der Vattenfall Europe.

Bereits im Dezember 1884 wurde aufgrund der großen Nachfrage im Bereich zwischen Leipziger Straße und Potsdamer Platz für eine weitere Anlage auf dem Gelände Mauerstraße 80 der Genehmigungsprozess in Angriff genommen. Der Bau dieser Centralstation wurde im Frühjahr 1885 begonnen und der Betrieb am 22. März 1886 eröffnet. Das Kraftwerk Mauerstraße versorgte bspw. das Hotel Kaiserhof und die Straßenbeleuchtung für Unter den Linden und die Leipziger Straße.

1888 wurde die Anlage in der Markgrafenstraße wesentlich vergrößert und unter Einbeziehung neu erworbener Flächen wurde 1889 die Erbauung eines neuen, erheblich größeren Werkes auf dem Gelände der Mauerstraße in Angriff genommen. Weitere Innovationen folgten - ab 1. Mai 1896 lieferte das Werk in der Mauerstraße z.B. zusätzlich Gleichstrom von 500 Volt für die erste elektrische Straßenbahn Berlins, gebaut von der Firma Siemens und Halske. 1912 wurde dann auf dem Gelände Mauerstraße ein Großumformer zur Versorgung der S-Bahn eingebracht.

Diese Installationen blieben im Wesentlichen bis 1924, teilweise bis 1926 in Betrieb und wurden im Zuge des Umbaus der Anlage zu einem Abspannwerk, bis auf den Baukörper der heutigen Halle C, abgerissen.
Seit es Anfang der 20 Jahre des neuen Jahrhunderts durch die technologische Entwicklung ermöglicht wurde, starke Ströme über größere Strecken zu transportieren, wurde die Stromerzeugung an die Stadtränder oder an die Förderorte für Kohle – für Berlin im Regelfall die südlich liegenden Tagebaue - verlagert. Hierzu wurde der Strom nach Erzeugung auf 30/6 KV hochgespannt, um am Bedarfsort wieder abgespannt und für die Versorgung bereitgestellt zu werden. Dazu waren dezentrale Abspannwerke in größeren Aglomorationen notwendig und diese wurden durch die BEWAG im Berliner Stadtraum im größerem Umfang ab Anfang der zwanziger Jahre errichtet.

Verantwortlich für diese Bauten zeichnete Hans-Heinrich Müller, der in Summe 40 Abspannwerke in der Zeit von 1924 bis 1930 im Auftrag der BEWAG innerhalb kürzester Zeit und mit hohen funktionalen und nicht funktionalen Anforderungen als Chefarchitekt des Hauses realisierte. Zu seinem Team gehörten zur damaligen Zeit Julius Posner und Egon Eiermann.
Das Gelände auf der Mauerstraße 80 wurde in die Planungen ab 1922 einbezogen, 1924 erfolgte die Abschaltung der ehemaligen Centralstation und im Anschluss wurde mit den Bauarbeiten zum Abspannwerk „Buchhändlerhof“ begonnen, die im Sommer 1926 in einem ersten Teilschritt, 1928 dann vollständig abgeschlossen wurden. Der Name ergab sich aus dem in der direkten Nachbarschaft befindlichen Hof der Berliner Buchhändler, die von diesem Standort aus die zentrale Distribution von Büchern für den Raum Berlin sicherstellten. Vor dem zweiten Weltkrieg war dieses Areal dicht besiedelt und somit auch eng bebaut. Die daraus erwachsende Notwendigkeit, mit dem zur Verfügung stehenden Platz effizient umzugehen, erzwang einige funktionale Besonderheiten, wie beispielsweise die Auslagerung der zentralen Steuerung aus den Gebäuteteilen, was zur Konstruktion des bekannten „Wabenkörpers“ führte.

Das 1928 in Betrieb gehende Umspannwerk „Buchhändlerhof“ war zu seiner Zeit mit hoch innovativen technischen Lösungen ausgestattet und erlaubte den Betrieb der kompletten Anlage mit nur vier Personen. Zum Versorgungsbereich der Anlage gehörten beispielsweise das Areal um die Friedrichstraße, der vollständige Regierungsbezirk mit den Preußischen Ministerien, die Reichskanzlei in der Wilhelmstraße oder der Bereich am Potsdamer und Leipziger Platz mit seinen großen Kaufhäusern.

Ab 1936 trieb Albert Speer mit seiner Planungsgruppe Theo Dierksmeyer, Willi Schelkes, Hans Stephan und Rudolf Wolters die Planungen zur Neugestaltung Berlins voran. Infolge dessen wurden auch Erweiterungsbauten für das Reichsluftfahrtministerium in einer Verbindung vom Zentralflughafen Tempelhof und dem Brandenburger Tor geplant. In Vorbereitung dieser Planungen wurden die südlichen Nachbargrundstücke an der Wilhelmstraße enteignet und weitgehend beräumt. Die Freiflächen, auf denen ab Frühjahr 2006 der High Flyer aufsteigen wird, sind demnach keine Folge von Kriegseinwirkungen sondern auf erste Maßnahmen zur Umsetzung der Germania-Planungen zurückzuführen. Es muss an dieser Stelle daran erinnert werden, dass im Zusammenhang der dafür vorgenommenen Enteignungen auch eine Vielzahl von jüdischen Eigentümern enteignet und unter unwürdigen Bedingungen anderweitig in der Stadt untergebracht wurden. Als Erinnerungspunkte finden sich heute auch auf dem Gelände des ewerks vor dem Hauseingang der Mauerstraße 78 sogenannte Stolpersteine, die auch an die wenige Jahre später einsetzende Deportation und Vernichtung der europäischen Juden erinnern sollen.
Im Zuge des Alliierten Bombenkrieges und der gezielten Bombardierung von Quartieren der Zivilbevölkerung wurde das Areal des Umspannwerkes Ende des Jahres 1944 durch Bombentreffer schwer beschädigt, ging jedoch vorerst nicht vom Netz.

Ende April und in den ersten beiden Tagen des Mai 1945 lag das Abspannwerk innerhalb der letzten Verteidigungslinie der Wehrmacht und der Waffen-SS, die unter Führung des SS-Brigadeführers und Generalmajors der Waffen-SS Wilhelm Mohnke, Kampfkommandant in der Reichskanzlei, die letzten Kampfhandlungen 200 Meter vor der Reichskanzlei und in der Stadtmitte bis zur Kapitulation vor der Roten Armee koordinierten.
Während des andauernden Häuserkampfes wurden weitere Teile des Areals schwer beschädigt und in Folge dieser Kampfhandlungen ging die komplette Anlage vom Netz.
Spuren dieser Kämpfe und Beschädigungen finden sich noch heute in den Vorderhäusern und in bestimmten Teilen der Hallen und Treppenflure. Zu den gebäudeseitigen Verlusten zählen weiterhin das vollständige Accumulatorenhaus und die oberen Etagen der ehemaligen Centralstation, dem heutige Gebäudeteil C sowie die östlichen und westlichen Brandmauerabschnitte des Umspannwerkes, dem heutigen Gebäudeteil F.

Chronik 1946-1989

Nach Ende der Kampfhandlungen wurde auf Befehl der sowjetischen Stadtkommandantur vom Mai 1945 die Grundversorgung der Stadt wieder hergestellt und Reparaturarbeiten auch an den Energieversorgungsanlagen durchgeführt. Sukzessive konnten ab dem Spätsommer 1945 Bereiche im Stadtgebiet wieder mit Wasser, Gas und Elektrizität versorgt werden. Zur Versorgung der weitgehend zerstörten Innenstadt mit Elektrizität trugen auch wieder die Anlagen in der Mauerstraße bei.
Jedoch die volle Leistungsfähigkeit des Umspannwerkes wurde auch im Laufe der kommenden Jahre nie wieder erreicht und die vorhandenen und beschädigten Anlagen wurden entweder demontiert oder durch ergänzende Installationen verändert.
Beispielsweise wurden zur Heizwärme-Versorgung der DDR-Regierungsbauten innerhalb des gegenüber liegenden ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums, dem damaligen Haus der Ministerien, durch das Heizkraftwerk Mitte große Steuerungsanlagen in diesem Gebäuden installiert. Nach der Wende war in diesem benachbarten Gebäudekomplex die Treuhandanstalt und nach Auflösung dieser das Bundesfinanzministerium untergebracht.

Eine weitergehende Ertüchtigung der Grundstücke verbot sich aus Sicht der DDR-Administration, da das Gelände nah an der Sektorengrenze und somit an den Sperranlagen und innerhalb des Grenzregimes der Staatsgrenze der DDR lag. Die Vorderfront ragt in den Grenzsicherungsbereich des ehemaligen Alliierten Grenzübergangs Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße und die südliche Grundstückgrenze befand sich direkt an der Mauer auf der Zimmerstraße. Erschwerend für eine tendenziell öffentliche Nutzung kam hinzu, dass sich im Nachbargebäude an der Mauerstraße die Direktion der zentralen Devisenbeschaffung der DDR unter Leitung von Alexander Schalk Golodkowski befand.
Die Aufgaben zur Stromversorgung des Innenstadtbereiches endeten, als wesentliche Anlagen zur Stromversorgung 1973 final abgeschaltet wurden und nur Restfunktionalitäten, wie beispielsweise die Stromversorgung der U-Bahnlinie 5 weiter aufrechterhalten wurden.
In der Spätphase der Existenz der DDR wurden innerhalb der Programme zur Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik und zum Nachweis der Leistungsfähigkeit des Gesellschaftsmodells erhebliche Veränderungen in den Stadträumen geplant. Innerhalb der Planungen zur Umgestaltung der Hauptstadt der DDR spielte der Bereich Friedrichstraße eine übergeordnete Rolle und hier sollten unter anderem große Warenhäuser und ergänzende Angebote für die Konsumtion der Bevölkerung positioniert werden. Im Zusammenhang dieser Planungen wurden überprüfende Maßnahmen angestoßen, inwieweit die vorhanden Hallenkapazitäten der ehemaligen Centralstation und dem Umspannwerk am Standort Mauerstraße 80 für ein Zwischenlager der geplanten Kaufhäuser ertüchtigt werden könnten.
Die hierzu erarbeiten Lösungen waren weit gediehen und die entsprechend notwendigen Baumaßnahmen wurden in der Friedrichstraße Mitte der 80er Jahre begonnen. Diese Vorhaben endeten mit der Abwicklung der DDR, doch lag zu diesem Zeitpunkt bereits ein detailliertes Konzept zum Umbau des ehemaligen Umspannwerkes vor.

Gleichzeitig zu diesen Planungen begann in den späten 80ern auch die Wiederentdeckung dieses Areals. In Folge dessen wurde der Komplex noch zu DDR-Zeiten 1987 unter Denkmalschutz gestellt. Auch inszenierte die kreative Szene Ost-Berlins erste Installationen und auch Mode-Shootings, die in einer der späteren DDR-Ausgaben der führenden Modezeitschrift „Sybille“ veröffentlicht wurden.

Chronik 1990-1999

Nach dem Mauerfall stand eine zweite, auf einem gänzlich anderen Ausgangspunkt der Nutzung basierende Welt-Karriere des ewerks bevor. Doch bevor diese Epoche starten konnte, wurden die Hallen der ehemaligen Centralstation vom Magistrat noch bis 1991 als Depot für Straßenlaternen genutzt. Es gab ebenso erste unabhängige Inszenierungen, wie die von Jannis Kounellis im Rahmen der Ausstellung „die Endlichkeit der Freiheit“.

Doch kurze Zeit nach Beräumung des Depots nahm die Geschichte ihren Lauf:
1992 entdeckte Andreas Rossmann das ewerk, das sich auch drei Jahre nach dem Mauerfall bis auf wenige Restfunktionen der Energieversorgung noch weitgehend im Dornröschenschlaf befand. Er war seiner Profession folgend auf der Suche nach einem Ort, der zur damaligen Zeit häufig in Berlins Innenstadtbereichen zu finden war. Orte, die aufgrund architektonischer Besonderheiten, baulicher Zustände oder geografischer Zusammenhänge, mitunter auch dem puren Zufall erliegend, als Orte für Feste der Subkultur geeignet waren und die erheblich dazu beitrugen, das der Habitus Berlins in dieser sich neu sortierenden Welt nach Ende des kalten Krieges innerhalb kürzester Zeit um eine kräftige und wohlmeinende Facette bereichert wurde. Einer der Orte war der „Planet Club“, der damals an verschiedenen Orten in Berlins wildem Osten forschte und für den Andreas Rossmann nach einer weiteren neuen Location suchte.
Ein erstes Projekt an diesem wiederentdeckten spektakulären Ort in der Mauerstraße war schnell konzipiert und im Februar 1993 fand die Evidence Party in der heutigen Halle F gemeinsam mit Low Spirit und Westbam statt. Es war bitter kalt und die legendäre Feuerinstallation erinnerte eher an die Bronx in NYC, als an die Mitte Berlins. Infolge des Erfolges und der Faszination des Ortes wurde standhaft an der weiteren Konzeption und den Machbarkeiten gearbeitet und in Folge eröffnete der Club am 17.4.1993 mit der ersten Platte von DJ Clé. Das ewerk als Club spielte schnell eine Sonderrolle in der ambitionierten Berliner Club-Szene, was sicherlich wesentlich auf die kongeniale Mischung der damaligen Glamour-Crew Hille Saul, Andreas Rossmann, Ralf Regitz und Lee Waters zurückzuführen ist. Hille Saul, die Seele des Ortes und für die Musik bestimmungsgemäß verantwortlich, initiierte mehrere Veranstaltungsreihen, wie samstags TWIRL mit den ewerk-Residents und internationalen Gast-DJ´s und freitags Dubmission mit Resident Paul van Dyk. Parallel existierten weitere Formate wie Lee´s Ranch oder es fanden gelegentliche Sonderformate, beispielsweise zur Loveparade, statt.

Aus der Vielzahl der damaligen Angebote in der Stadt stach das ewerk schnell hervor, da zum Clubbetrieb nicht minder berühmte nationale wie internationale Institutionen ihren Beitrag zum Kult lieferten. Stellvertretend seien das Prodigy Konzert zum MTV European Music Award 1994 genannt oder die Chromapark Techno Art Exhibition von 1994 bis 1996, die Media-Events mit Party-Kultur vereinte. Teilnehmer waren u.a. 3D-Luxe, Elsa For Toys, Attila Richard Lukacs sowie Ali Kepenek und Wolfgang Tillmans.
Das es geschafft wurde, die doch sehr heterogene Zielgruppe - vom Massive Attack-Konzert über das Versace Gala Dinner bis hin zur Don Giovanni Inszenierung von Katharina Thalbach in Kooperation mit Christoph Hagel und Mediapool - an einem Ort zusammenzuführen, bewies, daß der Ort konzeptionell wie auch im Operating in den neunziger Jahren zu den besten Clubs der Welt gehörte.
Zu den wichtigsten Residents im Club zählten Clé, Woody, Westbam, Jonzon, Terry Belle sowie Disko; als Gäste hat das Who is Who der Technowelt im laufe der Jahre aufgelegt. Nur einige Namen seien hier erwähnt: von den Detroiter Urvätern um Derrick May, Juan Atkins, Kevin Sounderson, die englische Elite um Carl Cox, bis hin zu den Kontinental-Europäern Laurent Garnier, Sven Väth, Hell und Paul van Dyk.


Es gibt eine Vielzahl von Legenden über das ewerk und den damals residierenden Club. Viele können als überhöht oder auch schlicht als unwahr bezeichnet werden. Doch waren und sind diese Geschichten gleichzeitig Beleg für das damalig hohe Identifkationspotential der Szene mit diesem Ort. Gleichzeitig sind aber auch anrührende Szenen nach abgewiesenem Einlassbegeheren immer wieder vor der Tür zu beobachten gewesen oder auch im Haus selber gab es Auslöser zu manch schöner Story, wie der, das Laurent Garnier beim Betreten der Halle gerührt auf die Knie sank und flehte, im ewerk bestattet werden zu können. Drastischer ging es zu, als Naomi Campell durch eine wahre Autorität des Hauses zur Ordnung gerufen wurde, und die Klofrau das Supermodell an den Haaren aus der Box schliff, um illegalen Praktiken Einhalt zu gebieten.

Geschlossen hat der Club im Jahr 1997 mit einem dreitägigen rauschenden Fest. 4000 Gäste, versammelt aus der ganzen Welt, dürften die höchsten jemals gemessenen Temperaturen im Club erlebt haben. Das Beben der Bässe zu diesem Abschluss ist auch heute noch in den Ämtern Berlin-Mittes zu spüren, die ausgesprochen sensibel und partiell auch unnachgiebig auf den Umstand reagierten, als bekannt wurde, das einer der Köpfe der ehemaligen Crew sich heute um die weitere Nutzbarmachung der Hallen bemühte.
Das Wichtigste am Club im ewerk war wohl in der retrospektiven Betrachtung, das alle zusammen, die Gäste, die Künstler und auch die Crew sich als Teil von etwas Einzigartigem fühlten und den damals vorhandenen politischen und institutionellen Freiraum mit nicht wiederholbarer Kreativität und sicherlich auch partiellem Wahnsinn füllten. Der Club bleibt eine der schönsten und kräftigsten Erinnerungen für Berlin in den Nachwende-Zeiten und diese Erinnerung wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Zeit den Status einer Legende aneignen.

Nach Schließung des Clubs gab es ab 1998 mehrere Initiativen, den Ort einer dauernden und ambitionierten Nutzung zuzuführen, die an verschiedenen Aspekten scheiterten. Ein geplantes Energieforum scheiterte ebenso wie Pläne, Büroräume für Firmen der New Economy zu schaffen, so dass auch die immer wieder nachgefragten Zwischennutzungen abnahmen.

Chronik 2000-2005

Das Berliner Technologie-Unternehmen SPM suchte ab 2000 einen Fimen Standort und dediziert ein Objekt, was den Kriterien der aktuellen und Berlin an vielen Stellen nicht förderlichen Investoren-Architektur diametral entgegenstand – doch aber höchsten funktionalen und ästhetischen Ansprüchen genügen sollte.
Nach einer Vielzahl von Untersuchungen und Studien wurde schnell klar, dass in einer geplanten Nutzungsgröße von ca. 500 Arbeitsplätzen in Berlins Mitte das Angebot an Investoren-Lösungen zwar groß war, diese aber weder den funktionalen noch den ästhetischen Ansprüchen genügen konnten. Infolge wurde der Suchkreis auf atypische Angebote am Markt ausgedehnt.

Ende 2000 stellte Prof. Dr. Kahlfeldt einen Kontakt zwischen dem späteren Investor und Dr. Achim Grube von Vattenfall her und in Folge dieser Kontaktaufnahme wurde ein Evaluierungsprozess gestartet, in dessen Endergebnis der Standort Mauerstraße für eine Investitionsentscheidung präferiert wurde. In einem nächsten Schritt wurden die Machbarkeiten überprüft und in enger Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Kahlfeldt dafür Sorge getragen, dass die reichlich vorhandenen Restriktionen auf Grund der vorherigen Nutzung, der Kriegseinwirkungen und der modernen genehmigungsrelevanten Anforderungen auf ein Mindestmaß reduziert werden konnten und in Folge die Machbarkeit zu gewährleisten war.
Das Architekturbüro Hoyer, Schindele, Hirschmüller und Partner übernahmen dann die Entwurfsplanung und die gestalterische Leitung für das Bauvorhaben ewerk.

In gleicher Zeit erfolgte eine Kontaktaufnahme mit den Machern des Clubs durch einen Manager der SPM, dessen Bruder wiederum zu den Köpfen der Club-Crew gehörte und es wurde vereinbart, eventuelle Interessen sorgsam in den Transformationsprozess einzubinden. Ziel war es, die beiden wesentlichen historische Stränge emanzipiert in den Transformationsprozess einzubinden, wohlweislich das beide Entwicklungen nicht wieder aufgegriffen werden konnten, doch aber eine Entsprechung am Ort erfahren sollten. In der Zwischenzeit und bevor die Bautätigkeiten gestartet wurden, erfolgten einige hochwertige Events am Standort, wie die Verleihung des Art Directors Clubs, Levis präsentierte die neuen Engineering Produktlinien mit einem Konzert von Outcast oder NoUfos veranstalteten die bisher letzte Veranstaltung zur Loveparade.

Im Dezember 2003 wurde die SPM als Mutterunternehmen der investierenden Gesellschaft an die SAP verkauft. Innerhalb des Akquisitionsprozesses wurden die Investmentaktivitäten der SPM ausgegliedert, so dass das Vorhaben ewerk ohne Unterbrechung und funktionale Abstriche unabhängig von der SAP weitergeführt werden konnte.
Nach einer äußerst kooperativen Phase der Zusammenarbeit mit den genehmigenden Behörden in Berlin wurde Ende 2002 mit der ersten Bauphase, der Umsetzung der Gleichrichterstation der BVG für die Stromversorgung der U-Bahnlinien 2 und 6 unter der Friedrichstrasse begonnen. Auftragnehmer war hier die Firma MBN, die ihre Arbeiten Ende 2003 abschließen konnte.
Nach Abschluss dieser ersten Baumaßnahme wurde Anfang 2004 der Generalunternehmer-Vertrag mit der Firma Oevermann für den Umbau der Büro-Flächen abgeschlossen. Die anschließenden Baumaßnahmen reichten bis in den Sommer 2005. Zeitnah an den Abschluss der funktional begründeten Baumaßnahmen erfolgte eine Übernahme der Büroflächen durch die SAP und es wurde durch die ewerk GmbH, dem Betreiber der Eventflächen, zur Wiedereröffnung geladen.
Eine dritte Phase der Revitalisierung des Standortes startete noch im Sommer/Herbst 2005 und betrifft die Wohnhäuser in der Mauerstraße, die mit viel Aufwand bis zum Ende des zweiten Quartals 2006 abgewickelt werden.

Geschichte heute

Das ewerk ist heute mehr denn je ein Ort innerstädtischen Lebens, an dem Arbeiten, Wohnen, Feiern auf engem Raum parallel existieren und aufgrund der Struktur der Nutzer miteinander nutzbringend verschmelzen.
Der bewegten Geschichte des ewerks wird in der Veräußerung Rechnung getragen – jedoch in jeder individuellen Nutzart modernes Leben praktiziert.
Hier vor allem innerhalb der Eventflächen, die der Öffentlichkeit zur Nutzung zur Verfügung stehen. Die hier stattfindenden Veranstaltungen sind ein Spiegelbild aktueller gesellschaftlicher Themen, Tendenzen und Protagonisten.
Auch die Büroflächen liegen innerhalb der historischen Struktur, die Geschichte des Ortes ist an einer Vielzahl von Artefakten erkennbar, die Infrastruktur jedoch entspricht den neuesten Standards von Büronutzflächen. Die SAP ist Hauptmieter der Büroflächen. Damit findet der Gedanke modernen Lebens auch hier seine adäquate Entsprechung.

Das ewerk ist aber auch ein Ort zum Leben. Die zum Objekt gehörenden Wohnhäuser aus dem Jahre 1886 bieten 12 Wohneinheiten, mit einer jeweiligen Nutzfläche von 110 bis 160 qm. Im Sommer 2006 wurden diese Wohnflächen dem Markt zur Verfügung gestellt.
Mit der Nutzung durch die BVG hält das ewerk seiner ursprünglichen Bestimmung auch heute noch die Treue und erfährt eine weitere Verdichtung in den angesiedelten Nutzarten. Nach wie vor befindet sich auf dem Gelände des ewerks eine Gleichrichterstation der BVG zur Stromversorgung der U-Bahnlinien 2 und 6.
Indem wir uns dem ewerk mit seiner Geschichte stellen und den sehr modernen Ansatz seiner früheren Nutzung in unsere heutige Zeit transferieren, schreiben wir die Geschichte des Ortes weiter. Wir hoffen angemessen.

Unser besonderer Dank gebührt Ralf Regitz, der uns in den ersten Jahren nicht nur als inspirierender Geschäftsführer, sondern auch als kreativer Ratgeber, sanfter Freund und lebenskluger Mentor zur Seite stand. Wir halten in Ehren, was er uns hinterlassen hat und werden unsere Arbeit für das ewerk in seinem Sinne weiterentwickeln.